LFR Tagebuch. Familienalltag in besonderen Zeiten. Mutter (37):

LFR Tagebuch. Familienalltag in besonderen Zeiten. Mutter (37): 150 150 Landesfrauenrat Mecklenburg-Vorpommern

„…einfach nur eine total bescheuerte Situation“

20.4.2020

An unserer Einrichtung beginnt heute (verspätet) die Vorlesungszeit. Ich bin dort Dozentin. Mein Mann ist Professor. Er liegt seit dem Vortag mit einer noch nicht diagnostizierten Krankheit im Bett. Da wir nicht wissen, was er hat, fällt er zur Kinderbetreuung aus. Unsere dreijährige Tochter schaut 4,5 Stunden am Stück ihre Lieblingsserie „PawPatrol“, während mein Telefon an diesem Vormittag und Mittag nahezu pausenlos klingelt. Viele Studierende (derzeit sind insgesamt 230 zu meinen Kursen angemeldet) brauchen Beratung. 
Mittags machen wir eine Fahrradtour mit unserem Hund. Am frühen Nachmittag setze ich meine Tochter wieder vor den Fernseher, um meine digitale Vorlesung für den Folgetag vorzubereiten. Da wir noch nie digital lehren mussten, kostet das alles viel Zeit. Nach einer Stunde hat das Wunschkind keine Lust mehr fernzusehen und bemalt die frisch gestrichene Wohnzimmerwand mit einem Bleistift. Ich bin zu erschöpft, deswegen zu schimpfen.

Die folgenden Stunden hüpft meine fröhliche Tochter wild durch das Haus und singt „PawPatrol! PawPatrol!“ Sie nervt die Katze. Die Katze kratzt. Das Kind weint. Ich frage mich, ob die durch PawPatrol vermittelten „Tanz-Moves“ wirklich für so kleine Kinder geeignet sind und versuche, weiter zu arbeiten. Mein Telefon fängt wieder an zu klingeln. Ich schalte die Sendung mit der Maus auf Netflix an. 
Abends ruft mein Bruder an. Er wurde aus der Psychiatrie entlassen. (Rückblende: Er erlitt ein akutes Burn-out, als er die Lehre an einer Berufsschule auf E-Learning umstellen sollte. Er war drei Wochen in der Psychiatrie.)

21.4.2020

Ich arbeite zwischen 3 und 8 Uhr morgens an der Vorlesungsvorbereitung. Während meine erste Live-Online-Veranstaltung über die Bühne geht, hütet die Sendung mit der Maus mein Kind. Der Mann hat hohes Fieber und liegt im Bett. Wir führen mittags den Hund aus. Zwei Videokonferenzen mit Kolleg*innen lang lasse ich mich von meiner Tochter mit Edelsteinen füttern. Mich erreicht eine Beschwerde von Studierenden über eine meiner Lehrveranstaltungen. Ich schalte wieder PawPatrol an, denn ich muss mich konzentrieren, die Beschwerde zu verstehen und zu beantworten. Es ist eine relativ vertrackte Situation. 
Gegen 21:30 geht das fröhliche Wunschkind, das morgens bis 8:00 geschlafen hatte, ins Bett. Ich kann nicht schlafen, weil mich die Beschwerde der Studierenden umtreibt.

22.4.2020

Gegen 2 Uhr stehe ich wieder auf, um an meinen Lehrveranstaltungen zu arbeiten. Um 7 Uhr lege ich mich ins Bett und schlafe anderthalb Stunden, bis mein Kind aufwacht. Der Mann leidet jetzt an Erbrechen und Fieber. Immerhin hat er wohl nicht Covid-19. Sind es Rota-Viren? Auf jeden Fall muss er weiter in Quarantäne ausharren, um uns nicht anzustecken. Mein Telefon klingelt wieder gefühlt ohne Pause. Der Fernseher läuft für mein Kind. 
Ich habe Kopfschmerzen. Ich bin sehr müde. Nachmittags machen wir einen Ausflug und stehen traurig vor einem gesperrten Spielplatz. Den Abend über hüpft meine fröhliche Dreijährige wieder „PawPatrol“-singend durch das Haus. Gegen halb zehn schläft sie ein. Ich beantworte E-Mails. Die Kita hat mir auf Anfrage ein Formular zum Beantragen der Notbetreuung geschickt. Ich leite es unmittelbar an meine Arbeitgeberin weiter. Ich habe Hoffnung. Vielleicht bekommen wir ja eine Kinderbetreuung! Um 23 Uhr schlafe ich auch endlich ein.

23.4.2020

Morgens halb vier stehe ich auf und bereite meine vier Stunden dauernden Live-Lehrveranstaltungen für den Tag vor. Die Inhalte sollten ja auch allen, denen eine Teilnahme an der Live-Veranstaltung aus technischen Gründen nicht möglich ist, dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Das bedeutet „mehrfachen Aufwand“. 
Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich bin sehr müde. Um fünf trinke ich die dritte Tasse Kaffee. Normalerweise trinke ich gar keinen Kaffee. Um 7 Uhr lege ich mich kurz ins Bett, um zu schlafen. An diesem Morgen steht unsere Tochter aber früh auf. Sie kommt in mein Bett und sagt, ich soll die Augen aufmachen. Ich erkläre ihr, dass ich es nicht kann, dass ich nachts gearbeitet habe. Sie fragt, warum ich nachts arbeite. Ich erkläre ihr, dass ich für meine vielen Studierenden die Inhalte der Lehrveranstaltung vorbereiten mussten, damit sie wichtige Dinge lernen werden. Sie sagt: „Wenn Du nachts arbeiten musst, meine Mama, dann solltest Du den ganzen Tag schlafen dürfen.“ Sie klettert aus dem Bett und verbringt die kommende Stunde damit, Knete in unsere Wohnzimmerkissenbezüge einzuarbeiten. Als ich aufstehe, machen wir Pfannkuchen, führen den Hund aus, und dann schalte ich wieder den Fernseher ein.

Die Videokonferenzen gehen heute über Mittag, daher wird schon zum Frühstück warm gekocht. Meine Tochter kommt ein paarmal in die Lehrveranstaltungen, weil Netflix nach einer gewissen Zeit das Abspielen von Serien unterbricht. Sie ist sehr lieb. Als das endlich alles vorbei ist, spielen wir im Garten zusammen. Mein Mann liegt immer noch kotzend im Bad im Keller. Die Kitaleitung schreibt mir, dass mein Mann auch so ein Formular vorlegen muss.

24.4.2020

Ich konnte die Nacht über kaum schlafen. Mein Mann hat immer noch Fieber. Ich habe dröhnende Kopfschmerzen. Ich melde mich bei meiner Arbeitgeberin krank und weise darauf hin, dass wir dringend eine Kinderbetreuung brauchen. Für meinen Mann liegt uns die Unabkömmlichkeit nicht vor. Er ist im Forschungsfreisemester. Damit hat er tatsächlich relativ große Freiheiten, aber immer noch einen Rattenschwanz an administrativen Aufgaben und Aufgaben in der Lehre in Bezug auf das Anfertigen von Abschlussarbeiten. Ich verbringe den Tag mit meiner Tochter im Garten. Wir machen mehrere kleine Ausflüge mit dem Fahrrad.

25.4.2020

Ich schreibe erneut der Kita, dass mein Mann seine Unabkömmlichkeit nicht nachweisen kann, aber dennoch seine dienstlichen Aufgaben erfüllen muss, und dass wir dringend eine Kinderbetreuung brauchen. Mein Mann liegt immer noch krank im Bett. Das weiß die Kita allerdings nicht. (Der Video-Arzt sah sich nicht dazu in der Lage, meinen Mann krank zu schreiben, entsprechend hätten wir das nicht belegen können.) Die Kita antwortet, dass mein Mann dann das andere Formular vorlegen soll. Es ist ein Formular für das zweite Elternteil aus einem nicht systemrelevanten Beruf. Dieses Formular kann für meinen Mann nicht ausgefüllt werden. Er ist in einem systemrelevanten Beruf!

Ich muss Lebensmittel einkaufen gehen. Ich bitte unseren Untermieter, auf unser Kind aufzupassen. Glücklicherweise stimmt er zu. Es ist nicht verboten, Kleinkinder mit in den Supermarkt zu nehmen, aber es wäre unmöglich, sie davon abzuhalten, alles anzufassen und sie dazu zu bringen, im Markt den Abstand einzuhalten.

26.4.2020

Mein Mann kann aufstehen und ein wenig herumlaufen. Er geht eine halbe Stunde mit Kind und Hund spazieren. Ich arbeite wieder an meiner Vorlesung. Ich habe Kopfschmerzen. Die hören ab jetzt bis heute nicht mehr auf.

27.4.2020

Mein Mann ist wieder halbwegs gesund. Er muss seine Termine der vergangenen Woche alle nachholen. Ich muss meine Lehrveranstaltungen organisieren. Mein Telefon klingelt wieder oft. Meine Mailbox quillt über. Der Fernseher läuft. Der Kopf schmerzt. Das Kind singt tanzend „Paw Patrol“ und wackelt mit den Hüften. Die Wand im Wohnzimmer wird wieder weiter bemalt. Knete werde ich vermutlich noch nach Monaten in irgendwelchen Ritzen finden. Die Katze ist gestresst, weil sie vom Kind verfolgt wird. Ich lasse die Katze in den Garten und mache die Tür zu. Ich liebe mein Kind. Sie macht das großartig!

28.4.2020 – 5.5.2020

Es geht so weiter, wie zuvor. Ich bin sehr müde. Ich habe permanent Kopfschmerzen. Mein Kind singt „PawPatrol“. Am 5. Mai bekommen wir von der Einrichtung ein verändertes Formular für das zweite, nicht systemrelevante Elternteil, wobei das „nicht“ gestrichen ist und mein Mann als „abkömmlich“ eingetragen ist. Resigniert und ohne Hoffnung schicke ich das Formular an die Kita, mit der Bitte, unseren Antrag endlich dem Jugendamt zu übergeben. Zwischendurch engagieren wir illegal (wegen der Kontaktsperre) eine private Babysitterin für ein paar Stunden am Tag, denn der Fernsehkonsum unserer Tochter muss unbedingt reduziert werden. Leider hat die Babysitterin nicht jeden Tag Zeit. Uns entlastet das auch nicht. Dafür sind es zu wenig Stunden. Immerhin ist es gut für unsere Tochter.

6.5.2020

Die Kita meldet zurück, dass wir den Terminplan meines Mannes dem Jugendamt angeben sollen. Wir könnten eventuell eine stundenweise Betreuung bekommen. Mein Mann setzt sich sofort an seinen Kalender. Er streicht und kürzt und verlegt, was er kann, um zusammenhängende Blöcke präsentieren zu können. Er bittet mich, gegenzulesen, bevor ich seinen Terminplan abschicke. Ich bin zu müde. Ich habe Kopfschmerzen. Meine Tante informiert mich, dass bei meiner Mutter Covid-19 diagnostiziert wurde. Sie ist irgendwo in Quarantäne, aber nicht im Krankenhaus. Es geht ihr wohl überraschend gut, nur mein Vater soll sich nicht anstecken.

Ich bin so müde, dass ich manchmal Dinge doppelt sehe. Abends tausche ich mit einer Kollegin Ideen für einen Drittmittelantrag aus. Wir machen das mit Sprachnachrichten per Whatsapp, weil ich nicht mehr so gut lesen kann. Anschließend trinke ich einen Schnaps (ich trinke sonst nie Alkohol), lege mich auf den Wohnzimmerboden, und betrachte die LED-Strahler an der Zimmerdecke, während meine Tochter eine Fernsehserie mit einer Prinzessin guckt. Vor dem Einschlafen lese ich ihr wie jeden Tag ein Buch vor. Ich kann trotz Alkohol erst spät einschlafen. Gegen 23 Uhr beantworte ich noch eine dringende Anfrage eines Kollegen per Mail. Danach wird es endlich mal wieder Nacht.

7.5.2020

Ich schlafe bis 7 Uhr. Ich schicke den Terminplan meines Mannes an die Kita. Heute sind wieder mehrere Live-Lehrveranstaltungen angesetzt. Mein Mann hat mehrere Videokonferenzen. Ich habe Kopfschmerzen. Nachmittags kommt die Babysitterin, um für kurze Zeit den Fernseher abzulösen. Ich bete, dass wir nächste Woche stundenweise eine Notbetreuung durch die Kita bekommen werden, und arbeite mich durch die neuen Hygienevorschriften für eine Klausur mit meinen 190 Studierenden.

An dieser Stelle möchte ich allen meinen Kolleginnen und Kollegen von ganzem Herzen für ihre Unterstützung danken! Wir sind zwar alleine zu Hause, aber nicht alleine. Alle geben ihr Bestes! Es ist einfach nur eine total bescheuerte Situation, wenn zwei Elternteile ohne Kinderbetreuung parallel Vollzeit arbeiten sollen, und man die Videokonferenzen mit dem Rest der Welt nicht konsequent in die Nacht verlegen kann: Wenn mich als Dozentin das schlechte Gewissen plagt, mehr als zweihundert Studierende durch eine Krankschreibung meiner Person im Regen stehen zu lassen.

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